Zu spät, zu langsam, zu zaghaft!

So lenkt die EZB die zukünftige Entwicklung der Kapitalmärkte

EZB Gebäude in Frankfurt am Main

Als die Europäische Zentralbank (EZB) das erste Mal seit 2011 die Leitzinsen angehoben hat, lag die Inflationsrate bei 8,6 Prozent. Angestrebt sind hingegen 2 Prozent. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Zentralbanker den Bürgerinnen und Bürgern versucht zu verkaufen, dass die gestiegenen Teuerungsraten nur „transitorisch“ („vorübergehend“) seien und sich eine Normalisierung bald einstellen wird.

Heute wird diese fatale Fehleinschätzung offensichtlich. Die Geldpolitiker haben die Folgen von Pandemie und Krieg lange unterschätzt. Zuletzt hob die EZB die Zinsen mit +0,75 Prozent mit einem Mal so stark an, wie noch nie in der Geschichte der Bank. Die Zahl der Kritiker wird immer lauter, dass die Reaktion auf die steigende Inflation zu spät, zu langsam und viel zu zaghaft ausfiel.

Die wichtigste Aufgabe einer Zentralbank ist es, die Stabilität des Geldes zu gewährleisten. In den westlichen Industrieländern wird die Inflationsrate als Maß dafür genommen, wie erfolgreich diese Aufgabe der Zentralbank gelingt. Die EZB tut gut daran, angesichts der aktuellen Inflationsraten alles dafür zu tun, dass sie das Vertrauen in ihre Fähigkeit als Währungshüterin nicht verliert. Der hohe Zinsschritt Anfang September könnte von solchen Überlegungen beeinflusst worden sein.

Probleme auf der Angebotsseite

Dass die großen Zentralbanken — nicht nur die EZB — die Inflation lange unterschätzt haben, liegt an einem Zusammenkommen von anhaltenden Lieferengpässe als zentraler Preistreiber und zusätzlich eine Energiekrise nach der Attacke Russlands auf die Ukraine. Solche drastische Veränderungen auf der Angebotsseite können die Modelle der Zentralbank kaum realitätsnah abbilden. Beispielsweise gilt ein starker Anstieg von Rohstoffpreisen in vielen Modellen als externer Schock, der allerdings schnell an Einfluss verliert. Das wird der Realität allerdings nicht immer gerecht. Vielmehr verändert sich mit höheren Rohstoffpreisen das gesamte wirtschaftliche Umfeld.

Genau das ist aktuell der zentrale Punkt der aktuellen Inflationsdebatte. Auf der einen Seite sehen wir (viel zu hohe) Teuerungsraten in weiten Teilen der Welt. Auf der anderen Seite kündigen zukunftsgerichtete Indikatoren an, dass die wirtschaftliche Aktivität und damit der Inflationsausblick deutlich zurückgehen dürfte. Kennzahlen zur Entwicklung der Industrieproduktion sind beispielsweise in den USA und Europa seit Monaten rückläufig.

Risiken der Geldpolitik für Anleger

Wie die Geldpolitik die Entwicklung an den Kapitalmärkten beeinflusst, konnte sehr gut in diesem Jahr beobachtet werden. Mit der Eskalation der Energiepreise seit dem Einmarsch russischer Soldaten in die Ukraine haben die Notenbanker die Kontrolle über die Inflation verloren, sie sind zu Getriebenen geworden. Das Umfeld, in dem die Notenbanken die Zügel fest in der Hand hielten, hat sich geändert. Die Sorgen um fehlendes Wirtschaftswachstum und hoher Inflation haben dazu geführt, dass bei dem weltweit größten Vermögensverwalter BlackRock ein typisches Mischportfolio aus 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen das schlechteste Jahr erlebt, seit man dort die Daten messe.

Die spannende Frage wird also sein, wie schnell die Zentralbanken zu einer Zinsnormalisierung zurückkommen werden. Werden sie bereits bei den ersten Anzeichen einer nachlassenden Teuerungsrate die Zinszügel wieder lockerlassen oder lieber ein Signal zur Stärkung ihrer Glaubwürdigkeit setzten und lieber etwas länger an einer geldpolitischen Straffung festhalten.

Ausblick

Erste Frühindikatoren deuten darauf hin, dass die Höchststände der Inflationsrate in den USA und Europa erreicht oder zumindest bald erreicht sein dürfte. Grund zur Entwarnung gibt es deshalb jedoch noch nicht. Zum einen sind die Inflationsraten immer noch auf einem Niveau, das deutlich zu hoch ist. Zum anderen wird die EZB tunlichst vermeiden, ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel zu setzen und sich vorwerfen zu lassen, dass die Inflationsrisiken zu unterschätzen. Für die kommenden Wochen und Monate sollten sich Anleger daher auf weiter unruhige Kapitalmärkte einstellen.

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